Die Methode der Immersion

Das Konzept

Wir glauben nicht, dass sich gemeinschaftliche Entwicklung allein durch theoretische Workshops oder abstrakte Zielvereinbarungen verstehen lässt. Gruppendynamik zeigt sich vor allem dort, wo Menschen gemeinsam handeln, entscheiden und Verantwortung tragen.

Kennenlernen

Zwischen eurer ersten Anfrage und einer verbindlichen Vereinbarung zu Art und Dauer eures Aufenthaltes passiert eine ganze Menge. Es kann viele gute Gründe geben, sich als Gruppe nicht auf diesen Weg zu begeben, sondern mit der innewohnenden Langsamkeit der eigenen Prozesse behutsam einen eigenen Weg zu finden. Und doch: Jedes Jahr finden sich viele Gruppen, die sich mit Xcom auf ein Topian-Projekt einlassen.

Der Aufenthalt kann mehrere Wochen oder mehrere Monate dauern. Die Gruppe wird nicht als externe Besuchergruppe behandelt, sondern nimmt – im vereinbarten Rahmen – am Alltag des jeweiligen Projekts teil.

Skripting - ein zentrales Element zur Verdichtung

Die Menschen, die bereits in den vermittelten Projekten Wohnen oder Arbeiten, die "Hosts", leben bereits vor Ort, teilweise seit einigen Jahren. Sie kennen die sozialen, praktischen und organisatorischen Bedingungen des Projekts. In der Interaktion mit euch als Gruppe, handeln sie dabei nach sogenannten Skripten. Das heisst, sie erhalten von Topian konkrete Anweisungen, Beobachtungsaufgaben und Interventionsimpulse. Diese können zum Beispiel bestimmte Fragen, zeitliche Abläufe, Aufgabenverteilung, Begegnungen oder Entscheidungssituationen betreffen.

Das Ziel ist nicht, die Gruppe zu manipulieren oder ein vorher festgelegtes Ergebnis zu erzwingen. Skripting soll Situationen ermöglichen, in denen relevante Themen früher sichtbar werden: etwa unterschiedliche Vorstellungen von Verantwortung, den Umgang mit Unsicherheit, Entscheidungsprozesse, Ausschlüsse, Abhängigkeiten oder Konfliktvermeidung.

Die Hosts greifen dabei in den Alltag ein, ohne die Interventionen als solche anzukündigen. So soll die Gruppe möglichst unmittelbar erleben, wie sie tatsächlich miteinander handelt – und nicht nur, wie sie sich in einem ausdrücklich markierten Workshop oder Experiment präsentiert.

Genau darin liegt ein wesentlicher Teil des experimentellen Charakters von Topian. Die Gruppe weiß, dass sie an einem Topian-Projekt teilnimmt. Sie weiß jedoch nicht notwendigerweise, wann eine konkrete Situation durch ein Skript oder eine Intervention mitgeprägt wird.

Teilweise wird das Verhalten der Hosts auch durch eine Rolle definiert, die diese von Topian zur Vorbereitung eures Aufenthaltes gegeben wird. Sie sollen dabei eine Position einnehmen, die euch in der Gruppendynamik eventuell fehlt, oder auch eine, die eure Gruppendynamik herausfordert. Auch dadurch werden mitunter bestimmte Situationen provoziert. Die Skripte und Rollen werden vom Topian Projekt erstellt und im Laufe des Aufenthalts angepasst oder mit jeweils aktualisierten Interventionen versehen. Auf diese Weise wird erreicht, dass jede Gruppe ihr bestmögliches Erlebnis haben kann und tatsächlich Meilensteine auf ihrem Weg in Gemeinschaft bewältigt.

Grenzen der Immersion

Die Unkenntnis einzelner Interventionen hat Grenzen. Die Teilnehmenden werden vor Beginn transparent über den Charakter des Projekts, mögliche Formen der Einflussnahme, ihre Rechte und die Grenzen ihrer Zustimmung informiert. Sie können Fragen stellen, Bedenken äußern und die Teilnahme beenden. Gesundheit, Sicherheit und persönliche Grenzen haben Vorrang vor jedem experimentellen Ziel.

Die Hosts versuchen, den Alltag explizit nicht als künstliches Experiment zu markieren. Dadurch können Gruppen sich möglichst unmittelbar erleben. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Teilnehmenden über den Charakter des Projekts oder ihre Rechte im Unklaren gelassen werden!

Mit Sack und Pack

Damit die Erfahrung ihre Wirkung entfalten kann, empfehlen wir, tatsächlich mit „Sack und Pack“ umzuziehen. Die Gruppe sollte den Aufenthalt nicht wie eine Reise oder ein Seminar mit anschließendem Zurückkehren in den gewohnten Alltag behandeln.

Wenn es die persönliche und berufliche Situation erlaubt, kann es sinnvoll sein, die bisherige Wohnung für die Projektdauer aufzugeben, unterzuvermieten oder anderweitig freizumachen. So entsteht ein klarer Übergang in die neue Lebenssituation.

Die Herausforderung

Es gibt keine vorgegebene Musterlösung. Die Gruppe muss mit realen Aufgaben, begrenzten Ressourcen, unterschiedlichen Erwartungen und alltäglichen Spannungen umgehen. Gerade darin liegt der Wert des Projekts.

Topian verlangt keine Einigkeit zu jedem Zeitpunkt. Entscheidend ist, dass Unterschiede sichtbar werden und die Gruppe lernt, mit ihnen konstruktiv umzugehen.

Die zentrale Regel

Während der vereinbarten Projektdauer wird der Projektcharakter nicht zum Gesprächsthema gemacht. Die Gruppe soll versuchen zu vermeiden, über die Versuchsanordnung und den experimentellen Charakter des Projekts zu reden.

Stattdessen wird die Situation so ernst genommen, als wäre sie echt. Diese Haltung ermöglicht eine unmittelbare Erfahrung und verhindert, dass sich die Beteiligten dauerhaft in eine beobachtende Außenperspektive zurückziehen.

Diese Regel bedeutet nicht, dass persönliche Grenzen, Sicherheit oder gegenseitiger Respekt außer Kraft gesetzt werden. Die Würde und körperliche sowie psychische Unversehrtheit aller Beteiligten bleiben jederzeit maßgeblich. Es gibt zu jeder Zeit eine erreichbare Kontaktperson der Xcom und im Notfall auch jederzeit die Möglichkeit des Abbruchs.

Ziel ist es, dass die Gruppe am Ende des Aufenthalts eine ehrlichere Antwort auf die Frage geben kann: „Was wollen wir gemeinsam in der Welt bewirken?“