An Herausforderungen wachsen:

Erfahrungen aus dem Topian-Projekt

Hinweis zur Einordnung

Die folgenden Berichte stammen von Gruppen, die nach einer begleiteten Phase auf einem Xcom Workshop-Camp ihre eigenen Erfahrungen neu geordnet haben. Um Rückschlüsse auf konkrete Personen zu vermeiden, wurden die Texte hier gekürzt und teilweise verallgemeinert. Insofern stellen die Texte, so wie sie hier stehen, fiktive, aber sehr beispielhafte Situationen dar.

Bitte seid euch bewusst, dass es in (fast) jeder Gruppe um große Herausforderungen geht. Phasen von Konflikt, Resignation, Krise und manchmal Streit sind geradezu Kernelemente auf dem Weg in die eigene Gemeinschaft.

Jeder Aufenthalt verläuft anders. Manche Gruppen kommen mit einer klaren gemeinsamen Idee, andere vor allem mit dem Gefühl, dass ihre bisherigen Formen des Zusammenseins nicht mehr ausreichen.

Die folgenden drei Berichte beschreiben keine Erfolgsgeschichten im klassischen Sinn. Sie zeigen vielmehr, wie sich Vorstellungen von Gemeinschaft verändern können, sobald sie mit einem konkreten Alltag zusammentreffen.

Aus dem Allgäu: Vier Personen · Acht Wochen

„Wir waren uns einig, solange niemand entscheiden musste“

Wir kannten uns seit fast zehn Jahren. Zwei von uns hatten gemeinsam studiert, eine Person war später dazugestoßen, und irgendwann entstand die Idee, nicht mehr nur befreundet zu sein, sondern auch gemeinsam zu leben und zu arbeiten.

Unsere Gespräche klangen überzeugend. Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir unabhängig arbeiten, nachhaltig leben und Entscheidungen gemeinsam treffen konnten. Wenn wir über unsere Zukunft gesprochen haben, benutzten wir oft dieselben Begriffe: Vertrauen, Selbstbestimmung, Solidarität und Offenheit.

Während der ersten Tage im Projekt fühlte sich alles wie eine Bestätigung dieser Idee an. Wir waren motiviert, standen früh auf und teilten die Aufgaben untereinander auf. Niemand wollte den Eindruck erwecken, überfordert zu sein. Wir sagten häufig: „Das kriegen wir schon hin.“

Nach etwa zwei Wochen veränderte sich die Stimmung. Es waren keine großen Konflikte, die uns Schwierigkeiten machten. Es waren Kleinigkeiten: Wer entscheidet, wann eine Aufgabe erledigt werden muss? Was bedeutet es, wenn jemand eine Verabredung nicht einhält? Wie lange darf man sich zurückziehen, bevor die anderen das Gefühl bekommen, allein gelassen zu werden?

Wir merkten, dass wir unter gemeinsamer Entscheidung etwas sehr Unterschiedliches verstanden. Für eine Person bedeutete es, dass alle Einzelheiten gemeinsam besprochen werden mussten. Eine andere wollte nur bei wichtigen Fragen beteiligt werden. Eine dritte Person wartete meistens ab, bis jemand anderes die Initiative übernahm.

Besonders schwierig war für uns, dass niemand offiziell die Leitung übernehmen wollte. Wir hielten Hierarchien für problematisch und glaubten, eine gute Gruppe müsse ohne Führungsperson auskommen. Tatsächlich führte das dazu, dass Entscheidungen oft vertagt wurden oder am Ende doch von der Person getroffen wurden, die zufällig am schnellsten gehandelt hatte.

In der sechsten Woche hatten wir einen Streit über einen eigentlich nebensächlichen Arbeitsplan. Rückblickend war der Plan nur der Anlass. Zum ersten Mal sagte jemand offen, dass unsere Vorstellung von Gleichheit bisher vor allem darin bestanden hatte, unangenehme Entscheidungen zu vermeiden.

Wir sind nicht mit einem fertigen Modell nach Hause gefahren. Dafür hatten wir etwas anderes verstanden: Gemeinschaft braucht nicht nur gemeinsame Werte, sondern auch Absprachen, Verantwortlichkeiten und die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten. Unsere ursprüngliche Idee war nicht verschwunden, aber sie war konkreter und weniger romantisch geworden.

„Wir wollten eine Gemeinschaft ohne Hierarchien. Am Ende mussten wir zuerst lernen, Verantwortung nicht mit Macht zu verwechseln.“

Vom platten Land im Hohen Norden: Sechs Personen · Drei Monate

„Unsere Gruppe bestand aus sechs verschiedenen Zukunftsentwürfen“

Wir waren ein Freundeskreis, der sich über Jahre hinweg immer wieder mit gesellschaftlichen Themen beschäftigt hatte. Wir veranstalteten Diskussionen, organisierten kleine Aktionen und hatten irgendwann das Gefühl, dass wir unsere Überzeugungen nicht nur besprechen, sondern in unserem Leben umsetzen müssten.

Unsere Bewerbung entstand an einem langen Abend. Wir schrieben gemeinsam auf, was wir verändern wollten: weniger Abhängigkeit von großen Institutionen, mehr Selbstorganisation, eine andere Form des Arbeitens und ein bewussterer Umgang mit Ressourcen. Auf dem Papier sah das nach einem gemeinsamen Programm aus.

Der Umzug in das Projekt war für uns trotzdem ein Einschnitt. Zwei Personen kündigten ihre Wohnungen, eine Person vermietete ihr Zimmer unter, und die anderen ließen sich beruflich befristet freistellen. Wir hatten den Eindruck, mit diesen Entscheidungen zu beweisen, dass wir es ernst meinten.

In den ersten Wochen waren wir vor allem damit beschäftigt, unseren Platz zu finden. Wir übernahmen praktische Aufgaben, lernten die Abläufe kennen und versuchten, möglichst wenig zusätzliche Arbeit zu verursachen. Gleichzeitig wollten wir unsere eigenen Ideen einbringen. Genau daraus entstand die erste Spannung.

Einige von uns wollten möglichst schnell Veränderungen anstoßen. Andere fanden, dass wir zunächst beobachten und verstehen mussten, wie der Ort bereits funktionierte. Wir stritten darüber, ob Anpassung ein Zeichen von Respekt oder bereits ein Verlust der eigenen Haltung war.

Mit der Zeit wurde deutlich, dass unsere Gruppe vor allem durch ein gemeinsames Selbstbild zusammengehalten worden war. Wir hielten uns für mutig, kritisch und offen. Im konkreten Alltag zeigte sich jedoch, dass manche von uns Sicherheit brauchten, andere Anerkennung suchten und wieder andere vor allem ihre persönliche Freiheit verteidigen wollten.

Der Wendepunkt kam nach einer Situation, in der eine gemeinsame Aufgabe nicht erledigt worden war. Jede Person hatte angenommen, dass jemand anderes dafür verantwortlich sei. Zuerst suchten wir nach einer organisatorischen Lösung. Dann wurde klar, dass wir ungern darüber sprachen, wenn jemand zu viel oder zu wenig beitrug.

Wir begannen, unsere Begriffe genauer zu untersuchen. Was bedeutete für uns Freiheit? War eine Verpflichtung automatisch unfrei? Was hieß Solidarität, wenn eine Person dauerhaft mehr Unterstützung benötigte als die anderen?

Nach drei Monaten war unsere Gruppe nicht geschlossener im einfachen Sinn. Wir hatten nicht alle dieselben Ziele. Aber wir konnten besser unterscheiden, welche Unterschiede uns bereichern und welche eine gemeinsame Zukunft tatsächlich unmöglich machen würden.

Zwei Personen entschieden sich danach gegen eine gemeinsame Wohnform. Die anderen vier entwickelten ein kleineres, realistischeres Vorhaben. Für uns war das zunächst eine Enttäuschung. Später verstanden wir, dass auch eine ehrliche Trennung von einer gemeinsamen Idee ein Ergebnis sein kann.

„Wir hatten geglaubt, eine gemeinsame Vision zu besitzen. Tatsächlich hatten wir sechs Entwürfe, die sich lange genug ähnlich sahen.“

Vom Auf und Ab vor hohen Bergen: Drei Personen · Sechs Wochen

„Wir mussten nicht lernen, zusammenzubleiben“

Wir waren zu dritt und hatten uns ursprünglich zusammengetan, weil wir ein gemeinsames Projekt gründen wollten. Unsere Zusammenarbeit funktionierte nach außen gut. Wir waren zuverlässig, teilten viele Interessen und konnten uns in öffentlichen Situationen schnell auf eine gemeinsame Position einigen.

Gleichzeitig gab es seit längerer Zeit eine unausgesprochene Spannung. Eine Person wollte das Projekt möglichst bald professionalisieren. Eine andere wollte den experimentellen Charakter bewahren. Die dritte Person versuchte meistens, den Konflikt auszugleichen.

Während des Topian-Aufenthalts funktionierte diese Rollenverteilung zunächst weiter. Wir merkten aber schnell, dass der Alltag keine dauerhafte Vermittlung zulässt. Wenn morgens entschieden werden musste, wer welche Aufgabe übernimmt, konnte niemand einfach moderieren und gleichzeitig selbst ausweichen.

Wir gerieten besonders bei Fragen der Belastung aneinander. Eine Person arbeitete sehr schnell und erwartete, dass die anderen dieses Tempo übernahmen. Eine andere benötigte längere Phasen ohne soziale Interaktion. Die dritte Person versuchte, beide Bedürfnisse auszugleichen und wurde dadurch selbst zunehmend erschöpft.

Zum ersten Mal wurde sichtbar, dass unsere bisherige Harmonie zu einem großen Teil darauf beruhte, dass wir uns in vertrauten Situationen aus dem Weg gehen konnten. Wir hatten gelernt, Konflikte höflich zu umkreisen. Im gemeinsamen Alltag wurden diese Umwege anstrengender als der Konflikt selbst.

In der vierten Woche sprachen wir darüber, ob unser eigentliches Ziel wirklich darin bestand, dauerhaft gemeinsam zu leben. Diese Frage fühlte sich zunächst wie ein Scheitern an. Wir hatten geglaubt, dass unsere Freundschaft und unsere gemeinsame Arbeit automatisch dieselbe Zukunft bedeuten müssten.

Am Ende entschieden wir uns, das gemeinsame Projekt fortzuführen, aber nicht gemeinsam zu wohnen. Eine Person übernahm die organisatorische Leitung, eine andere arbeitete weiterhin an den Inhalten, und die dritte Person blieb als externe Partnerin beteiligt.

Diese Entscheidung war schmerzhaft, aber klar. Wir mussten nicht beweisen, dass wir unter allen Umständen zusammenbleiben konnten. Wir mussten herausfinden, welche Form unserer Verbindung tatsächlich gerecht wurde.

„Topian hat unsere Gruppe nicht gerettet. Es hat uns geholfen, genauer zu erkennen, welche Art von Verbindung zwischen uns überhaupt möglich ist.“

Was von einem Aufenthalt bleiben kann

Ein Topian-Aufenthalt muss nicht mit einer gemeinsamen Gründung, einem neuen Wohnprojekt oder einer endgültigen Entscheidung enden. Manchmal besteht das Ergebnis darin, dass eine Gruppe ihre Zusammenarbeit neu ordnet. Manchmal werden gemeinsame Ziele klarer. Manchmal zeigt sich, dass eine bestimmte Form der Gemeinschaft nicht tragfähig ist.

Entscheidend ist nicht, ob die Gruppe am Ende dieselbe ist wie zu Beginn. Entscheidend ist, ob sie ihre Entscheidungen, Erwartungen und Beziehungen genauer versteht.